Rotraud A. Perner: Der Weg der Schildkröte

Rotraud A. Perner, geb. 1944, promovierte Juristin, zertifizierte Erwachsenenbildnerin (PH Wien) und Psychotherapeutin/ Psychoanalytikerin mit postgradualen Studien Soziologie und evang. Theologie, langjährige Universitätsprofessorin u. a. für Pärvention sowie Sexualtherapie, leitet das Institut für Stressprophylaxe & Salutogenese (ISS) in Kooperation mit der NÖ Landesakademie. Ihr neuestes Buch „Die reuelose Gesellschaft“, Residenzverlag, erscheint am 15. 10. 2013. www.perner.ino, www.salutogenese.or.at.

Warum es so schwer ist, jung denken und alt werden zu vereinbaren

Seit Adam und Eva sich die Frucht vom Baum der Erkenntnis einverleibten ist deutlich geworden, dass Einheit in zwei oder mehr Teile aufgespalten werden kann – ein „diabolisches“ Geschehen, heißt doch diaballein im Altgriechischen auseinander bringen, entzweien, aber auch verleumden, verhasst machen.

In Seminaren zum Abbau von Diskriminierungen wird gerne die Übung eingesetzt, die Gruppe der Teilnehmenden aufzufordern, sich nach persönlichen Eigenschaften zu Subgruppen zu organisieren: nach Geschlecht, Augenfarbe, Haarfarbe, Gewicht, Schuhgröße, Geburtsmonat, Religionsbekenntnis, Herkunft oder auch nach Geburtsjahrgängen … irgendwann steht jede Person plötzlich allein da und spürt, wie sich Exklusion anfühlt.

 Der geheime Lehrplan von Konkurrenz

In der gegenwärtigen Konkurrenzgesellschaft wird Entzweiung gezielt inszeniert: unerfahrene Junge können leichter zu Imitation und Konsum verlockt werden als Angehörige der Eltern- und Großelterngeneration, die noch zum Sparen, das bedeutet auch aufschieben und verzichten können, erzogen wurden.

Aber auch andere Erziehungsziele der Vergangenheit sind obsolet geworden – Unterordnung Unerfahrener unter Erfahrene beispielsweise, und dies zu akzeptieren fällt all denen schwer, die (nur) darauf ihre Selbstachtung gründen.

Worüber definiert sich jemand? Worauf gründet sich seine Identität? Auf Selbsterkenntnis und Selbstbestätigung dort, wo man spürt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort das Richtige zu tun? Oder auf den Vergleich mit anderen, die man auf jeden Fall und sei es mit Gewalt übertreffen will.

Der amerikanische Bestsellerautor Vance Packard hat schon in den 1950er Jahren darauf hingewiesen, dass bei ständiger Ausweitung des Profitdenkens, begleitet von Rationalisierungsmassnahmen und Obsoleszenzstrategien, schlussendlich einer Unmenge an Produkten niemand mehr gegenüber stehen wird, der genug Einkommen hat, diese Produkte zu kaufen.  Packard beschrieb 3 Obsoleszenzstrategien:

  • die funktionelle Obsoleszenz, die auf Einführung von verbesserten Modellen beruht,
  • die psychologische Obsoleszenz, bei der ein Erzeugnis, das qualitativ noch gut und brauchbar ist, als unmodern erklärt wird; damit sollen Unterlegenheits- und Schamgefühle hervorgerufen werden, nicht „mithalten“ zu können, und
  • die qualitative Obsoleszenz, die durch ein geplantes meist kurzfristig angesetztes Verschleißdatum hervorgerufen wird. (Packard: 60 f.)

In einer erwünscht unempathischen Gesellschaft – wie wir sie derzeit erleben – in der Gefühle als unprofessionell abgewertet werden, auch wenn eigentlich klar sein müsste, dass sie unabdingbarer Bestandteil ganzheitlicher Gesundheit sind, werden auch Menschen nach Benefit oder überhaupt nur finanziellem  Profit verdinglicht und sogar wie Waren betrachtet.

Dieser Geisteshaltung entspricht es, auch den Umgang mit Menschen nach eigenen funktionellen, psychologischen oder qualitativen Nützlichkeiten zu betrachten; man baut sich ein abgestuftes Zielsystem von Vorteilen und Nachteilen auf und bewertet gleichsam in einer Matrix, was einem die berufliche oder private Beziehung zum jeweiligen Anderen „bringt“.

Geschwindigkeitsrausch

Dem materiellen Wettbewerb im Firmenranking wird unausgesprochen ein humaner beigesellt.

Ging es früher entgegen dem Wissen, dass Schönheit immer nur im Auge des Betrachtenden entsteht, mehr um die Wahl einer Schönheitskönigin – was bekanntlich schon im Urteil des Paris arge Folgen hatte – mit ihren vielschichtigen tiefenpsychologischen Motiven von Voyeurismus, Machtspielen aller Art bis hin zu rein sachlichen PR-Strategien für die auf oder an der Schönen drapierten Produkte, werden heute „best dressed people“ gekürt, Topverdiener, Auf- und Absteiger – und all dies unabhängig von persönlichen Leistungen, denn „die im Dunkeln“, die backstage oder im back office den Erfolg erst ermöglichen, „sieht man“ bekanntlich „nicht“. Und auch nicht die Eltern, die ja meist auch nicht unbeträchtlichen Anteil am Erfolg ihrer Nachkommen haben.

Ins Licht gestellt wird, was Vorbildcharakter erlangen soll: von Misserfolgen ungeprägte vertrauensvolle Jugendlichkeit, belastbare Fitness, uferloser Konsum (Drogen inbegriffen), unbegrenztes Selbstvertrauen und Kritiklosigkeit.

Voraussetzung für all dies ist, dass nicht inne gehalten und nachgeprüft wird, ob die von außen wie auch von innen kommenden Impulse salutogen – Gesundheit fördernd – sind.

Diesem Denkverbot dient vor allem der Geschwindigkeitszwang: in Schi – oder Autorennberichterstattung durch hechelnde Kommentatorenstimmen zu Gehör und durch Uhrenwerbung an den Grenzplanken zu Gesicht gebracht, ergänzt er subliminal die Verführung zur Temposucht durch elektronische Kommunikationsmedien, die als immer schneller angepriesen werden. Dadurch wird unter der Bewusstseinsschwelle vermittelt, dass Schnelligkeit ein absoluter Wert sei.

Analog dazu werden Pausen als Verschwendung von Lebenszeit diskriminiert und Menschen als quasi Helden der Arbeit gefeiert, wenn sie ihr Leistungspotenzial weit über das Gesundheitslimit hinaus ausbeuten oder ausbeuten lassen.

Stress – üblicherweise aus dem Englischen übersetzt als Belastbarkeitsgrenze eines Material verstanden – definiere ich als Ausschüttung von Stresshormonen, beispielsweise dem Kampfhormon Adrenalin, das den Blutdruck hebt und die Atmung beschleunigt und so kurzfristige Höchstleistungen wie das Anheben eines Kraftfahrzeugs, wenn jemand drunter gerutscht ist, ermöglicht. Anschließend ist eine Erholungspause nötig, und üblicherweise signalisiert das der Körper auch mit Muskelzittern und  Atemlosigkeit. Da aber die Superhelden in Film und Fernsehen keine derartigen Kosten für handlungsirrelevante Pausen verursachen dürfen, werden derartige Normalitäten weg gelassen.  Filmhelden gehen ja auch nicht auf die Toilette, selbst wenn sie tagelang auf der Flucht sind, schlafen kaum und vermitteln damit den Eindruck, derartige Bedürfnisse wären abnormal.

 Arbeits- und Liebesfähigkeit

Sigmund Freud hat Arbeits- und Liebesfähigkeit als Kennzeichen psychischer Gesundheit benannt. Fähigkeit bedeutet allerdings mehr als nur gelegentliches punktuelles Agieren oder Rezipieren: sie umfasst die permanente Anwendung in einer Bandbreite von Wahrnehmungs- wie auch Regulierungskompetenz – „in guten wie in schlechten Tagen“. Beides scheint heute vielfach verloren zu gehen.

Arbeiten können beinhaltet auch das arbeiten wollen: arbeiten ist Selbstverwirklichung,

  • einerseits als jemand, dessen Arbeitskraft Marktwert besitzt, und das ist ein Baustein der Selbstachtung und damit auch der Würde;
  • andererseits als Teil einer arbeitsteiligen Gesellschaft, zu der man etwas beiträgt und erleben kann, dass andere auf diesen eigenen Beitrag warten – und wenn es nur die freundliche Begrüßung eines „Frühstücksdirektors“ sein sollte – und damit inkludiert ist.
  • Genau dieser Beitrag zum großen Menschheitspuzzle ist es, der den Energieaustausch der Kommunikation möglich macht und damit dem Puzzlestück Energiemangel, heiße er nun Depression oder „nur“ Erschöpfung oder Burnout, vorbeugen kann.

Wahrnehmen und Regulieren zu können entspricht dem, was Aaron Antonovsky, der Wortschöpfer von Salutogenese – Aufbau und Erhaltung von Gesundheit im Gegensatz zur Pathogenese als Auslöser von Krankheit – unter Kohärenzsinn subsumiert. Ich interpretiere diesen „sense of coherence“ (SOC) als Überblicken der gesamten Lebenswirklichkeit mit ihrem Wechselspiel von Höhen und Tiefen und dem Selbst- bzw. Gottvertrauen auf die eigene Bewältigungskreativität. Das setzt einiges an Lebenserfahrung voraus – und die Bereitschaft, sich gewaltverzichtend diesen Herausforderungen zu stellen.

Vielfach wird heute im Sinne eines fast allgemeinen Obsoleszenz-Prinzips aber erwartet, „schlechte Zeiten“ als Hinweis zu Flucht nach anscheinend besseren Orten oder Gruppen zu verstehen. Im NLP (Neurolinguistischem Programmieren), einer hoch effizienten Psychotherapietechnik, die oberflächlich und rudimentär in Kommunikations- oder gar Verkaufstrainings vermarktet wird, lautet ein Grundsatz „Wenn etwas nicht geht – probier etwas anderes!“ Auf die professionelle Arbeit mit kranken Menschen bezogen, soll dadurch verhindert werden, dass sich wissenschaftlich engagierte Fachleute auf ihre Methodik fixieren ohne deren Grenzen wahrzunehmen. In der verstümmelten Populärfassung wird damit aber vielfach ein  unbedachter Fluchtimpuls ausgelöst: wenn etwas schwierig wird, schnell auf was Neues ausweichen! Und wenn es der Krankenstand wegen angeblichen Burnout oder die Frühpension ist (oder Scheidung und Wechsel auf ein „Neumodell“). Beides beweist einen Mangel an Liebe zum Bisherigen.

Die Beziehung zur Arbeit hat sich in der Vielzahl der Fälle ebenso verändert wie die Einstellung zu den Partnerpersonen. Das zeigt bereits die meist kritiklos hingenommene Wortschöpfung Lebensabschnittspartner. Je öfter in Film und Fernsehen die wechselnden Geschlechtspartnerschaften der „flexiblen“ Menschen vorgeführt werden, desto mehr werden sie zum unreflektierten Vor-Bild. Und die Einrichtungsindustrie kann sich freuen: je öfter ein neuer Haushalt gegründet werden muss, desto mehr klingelt die Kasse. Und die ältere Generation, die auf Bewahren und Pflegen hin erzogen wurde, stört da nur.

Nachhaltigkeit

Wenn man um jede Ecke einen Supermarkt findet, erübrigt sich Vorratshaltung, und schlimmstenfalls gibt es ja auch Bahnhofsautomaten. In der City. Diese schnellen Verfügbarkeiten spiegeln sich auch in „Sex and the City“. Am Land sieht das anders aus.

Die Entfremdung der modernen, weil „urbanen“ propagierten Role Models beginnt im Vergessen der realen Landwirtschaft, der ein anderer Denkstil zu Grunde liegt: das Erkennen gegenseitiger Abhängigkeiten und unerwünschter Konsequenzen, daher langfristiges Planen, Beobachten, Fürsorgen für die Lebenswesen, die nicht mit uns konkurrieren (Pflanzen und Tiere). Real heißt: im Gegensatz zur virtuellen, bei der im Labor Analogkäse oder Pressfleisch im wahrsten Sinn des Wortes produziert wird. Der Schweizer jungianische Psychoanalytiker Alfred J. Ziegler sprach einmal davon, wir lebten derzeit in einem „Zeitalter der Gifthexe“, egal ob Nahrung, Kleidung, Wohnung oder Umwelt – überall vermehrten sich Schadstoffe, schafften dem Organismus Stress und führten dazu, dass wir uns leibseelischgeistig veränderten.  Wir mutieren. Leider nicht in Richtung mehr Menschlichkeit.

Wer diese Form von Anpassung (im Sinne des Darwin’schen „survival of the fittest“) kritisiert, gilt als altmodisch; konservativ wird zum Schimpfwort. Was aber ist so verächtlich daran, Gesundheit bewahren – das heißt ja konservieren, wenn man es übersetzt! – zu  wollen?

Klare Antwort: es behindert die Marketingstrategien der Obsoleszenz-Propagandisten.

Zweite klare Antwort:  Marketingstrategien werden nicht als solche erkannt, daher liegt ein Bildungsproblem vor.

Dritte klare Antwort: Erkennen von camouflierten Hintergründen braucht Zeit zum Nachdenken.

Das Prinzip von Salutogenese, wie ich es in Weiterführung des Konzepts von Antonovsky formuliert habe, sieht statt der von ihm erforschten drei Denkkategorien – Verstehen, Gestaltungswille und Sinn finden – drei konkrete Verhaltensanleitungen vor:

  • statt nur zu verstehen lade ich ein, auf die Suche nach dem Wahren – außen wie innen – zu gehen; das bedeutet vor allem auch, sich selbst nicht zu belügen, sondern zu überprüfen, ob das, was man denkt, Realitätssicht darstellt oder Phantasie. Auf die so genannte alternder Gesellschaft bezogen, bedeutet dies: den Gegensatz der in der jeweiligen Generation dominanten Werte in der Sozialisation zu der gegenwärtigen wahrzunehmen und die Wege, wie diese vermittelt wurden / werden.
  • statt Gestaltungswillen formuliere ich konkret: gedanklich mehrere Variationen alternativen Verhaltens nebeneinander zu stellen und nach ethischen Kriterien zu überprüfen, und dann
  • aus diesen Alternativen diejenige auszuwählen und zu verantworten, die man für sich wie auch in ihren Auswirkungen auf andere als die beste bewertet.

Ethik muss wieder modern werden! Sie darf und soll nicht einem Kosten-Nutzen-Denken weichen dürfen (welches eben auch nur eine Alternative bildet), bei dem Zahlen im Mittelpunkt stehen und nicht der Mensch als Mensch und nicht nur als Kostenfaktor.

Altersdiskriminierung

Die Frage lautet daher: stimmen unsere Institutionen noch? Welches Gesellschaftsbild wird in ihnen vertreten und nach außen kommuniziert?

Meine Antwort dazu lautet:

  • hinter dem Schlagwort von der angeblich unvermeidlichen und als Leistung steigernd begrüßten Konkurrenzgesellschaft verbirgt sich subtile Angstmache mit der Furcht, aus der Gesellschaft als nicht jung, schön, fit und vor allem belastbar ausgegrenzt zu werden.
  • Dabei werden die – permanent steigenden – Anforderungen als selbstverständlich und damit unkritisierbar hingestellt.
  • Die Folgen dieser Permanentüberforderungen werden verleugnet und als individuelles Problem – vor allem der älteren, „verbrauchten“ Menschen definiert, denen oft sogar der Expertenstatus für ihre eigene Befindlichkeit abgesprochen wird.
  • Der so genannte Psychoboom requiriert einen nicht unerheblichen Teil seiner Klientel aus der Gruppe der solcherart abgewerteten „Looser“ anstatt sich das nötige soziologische Wissen anzueignen, die Ursachen der Erschöpfungszustände erkennen zu können.
  • Damit werden diese  als „anders“ (im Sinne Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“), nämlich nicht den künstlich aufgestellten Leistungsnormen entsprechend, definierten Menschen vom „Kostenfaktor“ am Arbeitsplatz zum Kostenfaktor für die Staatsverwaltung verschoben.

Norbert Elias, einem der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, hat das Phänomen verifiziert: Gib einer Gruppe einen schlechten Namen und sie wird ihm folgen. Namen wie „alt“ oder „alternde Gesellschaft“ haben Suggestivwirkung: sie lösen geistige Bilder von hochbetagten und gebrechlichen Greisen und Greisinnen aus sowie schlechtes Gewissen bei all denen, die sich zu insgeheim abgelehnten Pflegeleistungen oder Ausgleichszahlungen verpflichtet fühlen – und diese Gedanken sind für die so Etikettierten spürbar und meist gesundheitsschädigend. Vergessen – oder verleugnet – wird dabei die Tatsache, dass auch sehr junge Menschen derart pflegebedürftig werden können – ein klassischer Fall von Altersdiskriminierung.

Es liegt an der jeweiligen Bevölkerungspolitik, die rechtshistorisch in ihren Motiven und regionalen wie zeitlichen Andersartigkeiten entschlüsselt werden kann, welche Grenzen zwischen den verschiedenen Alterskategorien hinsichtlich von Rechten und Pflichten gezogen werden und welche Begründungen und Namensgebungen dazu herangezogen werden. Nicht alles zu den ersten zwanzig Lebensjahren ist entwicklungsphysiologisch oder –psychologisch begründet, sondern eher z.B. von wahltaktischen Überlegungen. Was aber als evident angesehen werden sollte, sind die biographischen Einwirkungen auf Selbstwertgefühl, Selbstfürsorglichkeit und damit Gesundheitsstatus. Die Generation 50 + hat naturgemäß bereits mehr zu verarbeiten gehabt. Aber genau in dieser Betroffenenkompetenz wird sie aus der gesellschaftlichen Diskussion exkludiert.

Hier orte ich Handlungsbedarf.

Der Weg der Schildkröte

Schildkröten, die bekanntlich sehr alt werden können, schützen sich indem sie sich der Umwelt so anpassen, dass sich ihr Panzer kaum mehr sichtbar abhebt.

Das kann man als „in den Untergrund gehen“ interpretieren – aber das ist nur eine Interpretationsmöglichkeit.

Eine andere läge darin, dass sich Schildkröten, die bekanntlich auch sehr bissig werden können, auf diese Art räumliche Distanz und Bedenkzeit sichern, bis sie sich in Bewegung setzen – egal in welche.

Schildkröten haben eine eigene Rhythmik: mit dem schweren Panzer schützen sie ihre innere Verletzlichkeit; sie tragen den Ausgleich an sich. Dieser Bioschutzschild macht sie aber nur scheinbar schwerfällig, denn wer schon einmal erlebt hat, welche große Strecken eine Schildkröte in kurzer zeit bewältigen kann, wenn sie – wie ein Panzer – loslegt, der kennt auch ihre Alternativpotenziale.

Sich nicht hetzen zu lassen, sondern genau diese Zeiträume für Denkpausen in Anspruch zu nehmen, in Deckung zu gehen, wenn man attackiert wird, wohl wissend, dass man seinen Panzer nutzen kann und dennoch innerlich weich und empfindsam bleiben, basiert auch auf Altersweisheit. In jungen Jahren lässt man sich noch leicht einreden, man müsse immer kämpfen und siegen – und diese Ideologie dient bekanntlich den Waffenproduzenten und den Wiederaufbauspezialisten.

Kampf ist nur eine Möglichkeit, oppositionelle Sichtweisen sichtbar werden zu lassen. Man kann sich auch in Interessensgruppen vernetzen und selbst organisieren, um die so augenscheinlich dringenden Informationen, dass man ab fünfzig nicht verblödet, öffentlich zu machen. Die ehemaligen Nationalratsgrößen, die als Seniorenvertreter – unter Ausschluss ihrer Pendants in anderen als den derzeitigen Regierungsparteien – ihren Bedarf an Aufmerksamkeits-Energie durch öffentliche Auftritte sichern können, haben damit die leidvolle Erfahrung von Ageismus und Exklusion und mangelnder Wertschätzung vermeiden können. Sie sind damit keine Betroffenenvertreter, sondern bleiben Politakteure in der finanziellen Verteilungskonkurrenz. Der Geist des Geldes verhindert aber die Auseinandersetzung um die „echten“ Werte – nämlich den Geist der Achtung vor dem Nächsten, der oder die nicht mehr über berufliche Zuständigkeiten und Sanktionsmöglichkeiten oder sexuelle Attraktion oder sonstige Zweck-Dienlichkeiten verfügt.

Literatur:

Packard Vance, Die große Verschwendung. Fischer TB, Frankfurt / M. 1964

Perner, Rotraud A., Der erschöpfte Mensch. Residenzverlag, St. Pölten 2012.

Perner, Rotraud A., Hand – Herz – Hirn. Zur Salutogenese mentaler Gesundheit. aaptos, Matzen Wien 2011

Perner, Rotraud A., Heute schon geliebt? Sexualität & Salutogenese. Edition Rösner, Mödling 2012

Perner, Rotraud A. (Hg.); Stress & Alter. aaptos, Wien 2005.

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